Bevor wir darüber sprechen, ob eine Katze wirklich eine zweite Katze braucht, sollten wir zuerst verstehen, was eine Hauskatze eigentlich ist und woher ihre Art zu leben kommt.
Denn viele Aussagen über Katzen werden heute so oft wiederholt, dass wir sie irgendwann für unumstößliche Wahrheiten halten. Dabei lohnt es sich, zuerst einen Blick auf die Natur der Katze zu werfen.
Der Vorfahre unserer Hauskatze ist die Falbkatze (Felis lybica), auch Nubische Katze genannt. Sie stammt aus trockenen und halbwüstenartigen Gebieten Afrikas und des Nahen Ostens. Und das ist wichtiger, als es zunächst klingt.
Die Nubische Katze ist kein Rudeltier. Sie ist territorial und vor allem eines: ein Einzeljäger.
Ein erwachsenes Tier besitzt sein eigenes Revier, beschafft seine Nahrung selbst und jagt allein. Es braucht keine Gruppe, um Beute einzukreisen, gemeinsam zu jagen oder anschließend die Beute zu teilen. Kater haben in der Regel größere Reviere, die sich teilweise mit den Revieren mehrerer Weibchen überschneiden können. Katzen begegnen sich unter anderem zur Fortpflanzung, und eine Mutter lebt selbstverständlich eine Zeit lang mit ihren Jungen zusammen. Das grundlegende Lebensmodell einer erwachsenen Nubischen Katze besteht jedoch nicht darin, dauerhaft in einem Rudel zu leben.
Auch der Vergleich mit anderen Katzenartigen ist interessant. Der Löwe lebt in sozialen Gruppen und stellt damit unter den Großkatzen eher eine Besonderheit dar. Der Tiger dagegen ist – trotz des gewaltigen Unterschieds zu unserer Katze auf dem Sofa – ebenfalls überwiegend ein territorialer Einzeljäger.
Nur weil ein Tier zu den Katzenartigen gehört, bedeutet das also nicht automatisch, dass es in einem Rudel leben muss.
Spuren dieser Herkunft finden wir bei unseren Hauskatzen bis heute. Sogar beim Trinken.
Die Vorfahren unserer Katzen waren an Lebensräume angepasst, in denen Wasser nicht ständig und überall verfügbar war. Der Organismus der Katze kann deshalb sehr effizient mit Wasser umgehen, und Katzen nehmen natürlicherweise einen erheblichen Teil ihrer Flüssigkeit über die Nahrung auf. Das ist auch einer der Gründe, warum viele Katzen ein vergleichsweise schwach ausgeprägtes Durstgefühl zeigen.
Natürlich muss eine Hauskatze jederzeit Zugang zu frischem Wasser haben. Entscheidend ist etwas anderes: Tausende Jahre an der Seite des Menschen haben die Biologie ihrer Vorfahren nicht einfach ausgelöscht.
Und genauso interessant wird es beim Sozialverhalten.
Die Hauskatze hat sich im Zusammenleben mit dem Menschen verändert und angepasst. Aber sie ist dadurch nicht plötzlich zu einem klassischen Rudeltier geworden. Stattdessen besitzt sie etwas ausgesprochen Interessantes: eine enorme soziale Flexibilität.
Eine Katze kann allein leben. Sie kann mit einer anderen Katze leben. Und sie kann in einer größeren Gruppe leben.
Sie kann eine sehr enge Beziehung zu einer anderen Katze aufbauen. Katzen können zusammen schlafen, sich gegenseitig putzen, miteinander spielen, bewusst die Nähe des anderen suchen und eine starke Bindung entwickeln. Der Verlust eines vertrauten Partners kann für eine Katze sogar deutlich spürbar sein.
Aber genau hier werden zwei Dinge häufig miteinander verwechselt.
Die Fähigkeit, eine enge soziale Beziehung zu einer anderen Katze aufzubauen, bedeutet nicht automatisch, dass jede Katze eine zweite Katze braucht, um glücklich zu sein.
Eine Katze ist ein Einzeljäger – aber sie muss deshalb sozial kein Einzelgänger sein.
Und umgekehrt gilt genauso: Die Fähigkeit, soziale Beziehungen einzugehen, bedeutet nicht automatisch die biologische Notwendigkeit, mit einer zweiten Katze zusammenzuleben.
Auch freilebende Hauskatzen zeigen uns sehr schön, wie flexibel das Sozialverhalten einer Katze sein kann. Wo ausreichend Nahrung und andere wichtige Ressourcen vorhanden sind, können sich Katzen zu Kolonien zusammenfinden.
Aber eine Katzenkolonie ist kein Rudel, dessen Mitglieder zum Überleben zwingend auf Zusammenarbeit angewiesen sind. Die Katzen jagen weiterhin überwiegend individuell. Und auch innerhalb einer Kolonie ist nicht jede Katze mit jeder anderen befreundet.
Es entstehen unterschiedliche Beziehungen: enge Bindungen, Freundschaften, gegenseitige Toleranz, Distanz und manchmal auch Konflikte.
Genau dasselbe können wir beobachten, wenn mehrere Katzen in einem Haushalt leben.
Wenn fünf Katzen unter einem Dach wohnen, bedeutet das nicht automatisch, dass dort eine glückliche fünfköpfige „Katzenfamilie“ lebt.
Vielleicht sind zwei unzertrennlich und schlafen jeden Tag zusammen. Eine dritte Katze mag nur eine von beiden. Die vierte toleriert alle, sucht aber kaum Kontakt. Und die fünfte würde am liebsten allein mit ihrem Menschen schlafen und ansonsten einfach ihre Ruhe haben.
Wer über viele Jahre mit einer größeren Katzengruppe lebt und die Tiere wirklich beobachtet, kennt solche Konstellationen sehr gut.
Und hier kommen wir zu einem Punkt, über den meiner Meinung nach viel zu selten gesprochen wird:
Die Katze sucht sich ihren Freund selbst aus.
Wir Menschen können unserer Katze einen Mitbewohner aussuchen. Wir können entscheiden, welches Tier wir nach Hause bringen. Wir können auf Alter, Geschlecht, Rasse und Charakter achten und versuchen, möglichst gut zu entscheiden.
Aber wir können unserer Katze keinen Freund aussuchen.
Eine wirkliche Freundschaft entsteht erst zwischen den Tieren selbst. Charakter, Temperament, Kommunikation, Erfahrungen und individuelle Bedürfnisse müssen zusammenpassen. Die Katze entscheidet letztlich selbst, welchen Artgenossen sie wirklich nah an sich heranlässt.
Deshalb bedeutet eine zweite Katze im Haushalt nicht automatisch: „Jetzt bist du nicht mehr allein und deshalb glücklich.“
Eine zweite Katze kann der beste Freund fürs Leben werden. Sie kann ein geliebter Spiel- und Schlafpartner sein.
Sie kann aber genauso gut nur ein neutraler Mitbewohner sein. Sie kann lediglich toleriert werden. Und wenn zwei Tiere überhaupt nicht zueinander passen, kann das Zusammenleben im schlimmsten Fall sogar zu dauerhaftem Stress führen.
Deshalb ist der Satz „Eine Katze braucht eine Katze“ für mich viel zu einfach für ein so komplexes Lebewesen.
Ehrlicher wäre zu sagen: Eine Katze kann eine passende soziale Beziehung zu einer anderen Katze brauchen und davon enorm profitieren.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Und was ist mit Kitten?
Bei Kitten und jungen Katzen sieht die Situation tatsächlich etwas anders aus.
Junge Katzen profitieren sehr häufig von einem passenden Spiel- und Sozialpartner. Beim gemeinsamen Spielen lernen sie Grenzen, Kommunikation und Sozialverhalten. Sie können miteinander rennen, raufen, spielen und Dinge ausprobieren, die wir Menschen einer Katze in dieser Form niemals ersetzen können.
Wenn ein Kitten täglich viele Stunden allein zu Hause wäre, kann eine zweite, gut passende junge Katze deshalb eine wunderbare Entscheidung sein.
Ich selbst würde das in vielen Situationen sogar empfehlen.
Aber zwischen empfehlen und pauschal vorschreiben besteht ein großer Unterschied.
Bevor ich sage, dass eine zweite Katze sinnvoll wäre, möchte ich wissen, wie dieses Tier später leben wird. Arbeitet der zukünftige Halter zehn Stunden außer Haus? Ist fast immer jemand zu Hause? Gibt es bereits eine Katze oder andere Tiere? Wie viel Beschäftigung und Kontakt bekommt das Tier? Wie alt ist es? Und vor allem: Welchen Charakter hat genau diese Katze?
Erst wenn wir solche Fragen beantworten, können wir wirklich individuell und verantwortungsvoll beraten.
Und der Maine Coon?
Gerade bei Maine Coons hört man besonders häufig, dass sie grundsätzlich niemals allein leben sollten.
Maine Coons sind tatsächlich häufig sehr soziale, kontaktfreudige Katzen. Viele genießen die Gesellschaft anderer Katzen und entwickeln wunderbare Beziehungen zu ihren Artgenossen.
Aber auch ein Maine Coon bleibt ein Individuum.
Der eine liebt Katzengesellschaft und möchte ständig bei den anderen sein. Der nächste baut seine stärkste Bindung zum Menschen auf. Ein anderer fühlt sich in einer größeren Gruppe ausgesprochen wohl, während wieder ein anderer deutlich mehr eigenen Raum und Ruhe braucht.
Eine Rassebeschreibung ersetzt niemals den individuellen Charakter einer Katze.
Das gilt auch für den Maine Coon.
Wenn aus einer Empfehlung plötzlich eine Regel wird
Und damit kommen wir zu einem Punkt, bei dem ich bewusst etwas deutlicher werden möchte.
Manche Züchter sagen sehr klar: „Ich gebe kein Kitten in Einzelhaltung. Wenn bereits keine Katze im Haushalt lebt, müssen zwei Kitten genommen werden.“
Natürlich darf jeder Züchter selbst entscheiden, unter welchen Bedingungen er seine Tiere abgibt. Und ich bin überzeugt, dass viele Züchter diese Regel tatsächlich deshalb aufstellen, weil sie glauben, damit im besten Interesse ihrer Katzen zu handeln.
Aber wir sollten trotzdem zwischen persönlicher Überzeugung, individueller Empfehlung und biologischer Tatsache unterscheiden.
Es ist ein großer Unterschied, ob ich zu einem Interessenten sage:
„Bei diesem Kitten und bei Ihrer Lebenssituation würde ich Ihnen wirklich zu einer zweiten Katze raten.“
Oder ob ich behaupte:
„Jede Katze, die ohne zweite Katze lebt, ist automatisch unglücklich.“
Das eine ist Beratung.
Das andere ist eine pauschale Regel, die der Individualität einer Katze nicht gerecht wird.
Und ja, wir dürfen dabei auch einen unbequemen Punkt ansprechen: Eine Zucht hat neben Verantwortung, Liebe zu den Tieren, enorm viel Arbeit und hohen Kosten selbstverständlich auch eine finanzielle Seite.
Zwei verkaufte Kitten sind nun einmal zwei verkaufte Kitten.
Das bedeutet nicht, dass jeder Züchter, der zwei Kitten empfiehlt oder nur paarweise vermittelt, ausschließlich finanzielle Interessen verfolgt. Eine solche Behauptung wäre genauso unfair und pauschal.
Aber ein wirtschaftliches Interesse darf auch nicht hinter einer angeblich unumstößlichen biologischen Wahrheit versteckt werden.
Wenn zwei Kitten für eine bestimmte Familie und genau diese Tiere die bessere Lösung sind, dann sollte ein verantwortungsvoller Züchter das erklären und begründen können.
Nicht mit einem Dogma.
Sondern mit Wissen über die Katzen, die er großgezogen hat.
Die entscheidende Frage ist eine andere
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören zu fragen:
„Wie viele Katzen muss man haben?“
Und stattdessen fragen:
„Was braucht genau diese Katze?“
Wie alt ist sie? Welchen Charakter hat sie? Welche Erfahrungen hat sie bisher gemacht? Wie viele Stunden verbringt sie allein? Wie viel Kontakt hat sie zu ihrem Menschen? Wie wird sie beschäftigt? Gibt es andere Tiere im Haushalt? Sucht sie aktiv die Nähe anderer Katzen oder zieht sie sich vor ihnen zurück?
Und vor allem sollten wir die Katze selbst beobachten.
Ist sie entspannt? Spielt sie? Frisst sie normal? Sucht sie Kontakt? Fühlt sie sich sicher? Wirkt sie ausgeglichen? Leidet sie offensichtlich darunter, allein zu sein? Oder zeigt sie im Gegenteil, dass die Anwesenheit anderer Katzen für sie Stress bedeutet?
Keine allgemeine Regel aus dem Internet kann diese Fragen für jede einzelne Katze beantworten.
Die Antwort gibt uns am Ende die Katze selbst.Wir müssen nur bereit sein, sie zu beobachten und ihre Antwort auch zu akzeptieren.
Man kann eine glückliche Katze haben.
Man kann zwei glückliche Katzen haben.
Und man kann fünf Katzen haben, die sich lediglich arrangiert haben und gegenseitig tolerieren.
Die Anzahl der Katzen in einem Haushalt ist kein Maß für ihr Glück.
Wir Menschen können entscheiden, wie viele Katzen unter unserem Dach leben. Wir können Futter auswählen, Schlafplätze schaffen und sogar entscheiden, welche Tiere zusammenleben sollen.
Aber eines können wir nicht bestimmen:
Wen eine Katze wirklich in ihr Herz lässt.
Wir können unserer Katze einen Mitbewohner aussuchen.
Aber ihren Freund sucht sich eine Katze selbst.
Und unsere Aufgabe sollte nicht darin bestehen, ihr vorzuschreiben, wen sie lieben muss.
Unsere Aufgabe ist es, ihr ein Leben zu ermöglichen, in dem sie ihre Bedürfnisse ausleben, sich sicher fühlen und einfach das sein darf, was sie ist:
eine glückliche Katze.
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